Miese Kriese?!

Im jungen Erwachsenenleben kippt die Stimmung von: „Alles ist möglich“ manchmal zu: „Alles ist sinnlos“ und ehe man sich versieht, steckt man mitten in der Quarterlife-Crisis. Doch es gibt Wege, um Potenzial aus Krisen zu schöpfen…

Hätte man mich mit 22 gefragt, was meine größte Angst im Bezug aufs Älterwerden ist, meine Antwort wäre gewesen: spießig zu werden! Nun bin ich 34 Jahre alt und wie viele meiner Altersgenossen frage ich mich, ob meine Angst nicht langsam wahr wird…

Die Reise beginnt

„Wenn du dich nur genug anstrengst, dann kannst du alles erreichen!“ Oder, meist nach dem Schulabschluss: „Die Welt steht dir offen!“ Wer kennt sie nicht, die Sätze, die zum Mantra unserer Gesellschaft wurden und uns ein freies und selbstbestimmtes Leben verhießen? Alles ist möglich, alle Türen stehen dir offen – dumm nur, wenn man nicht weiß, was man eigentlich will.

Und so stolpert man los, erst Mal ein Jahr ins Ausland, noch ist man jung, noch kann man sich das erlauben, noch verzeiht es der Lebenslauf. Work & Travel in Australien, ein Kinderheim unterstützen irgendwo in Afrika oder Schildkröten retten auf Costa Rica – weit weg und möglichst individuell soll es sein. Und doch kennt jeder von uns Personen, die genau das gemacht haben – Individualismus auf den immer gleichen Instagram-Bildern, abwechselnd schöne Strände, exotisches Essen oder krasse Armut.

Kommt man zurück, dann wartet das Studium auf einen. Und wer sein Abitur schon nach 12 Jahren Schule in der Tasche hatte, der wird Bachelor und Master ja wohl in fünf Jahren hinter sich bringen. Schließlich hat man gelernt, zu lernen, ist diszipliniert und schafft es sogar dreimal die Woche zum Workout. Dass neben Prüfungsstress, Low-Carb, Binge Watching und Cheat Days irgendwie die Zeit für Blödsinn, Nichtstun oder Freundschaften fehlt, geschenkt! Schließlich gilt es Leistung zu bringen und Ziele zu erreichen, um mithalten zu können, im ewigen Lebensvergleich.

Und was sich im Studium und im Privaten durchzieht, dass bestimmt auch schnell unser sogenanntes „geistliches Leben“. Vielleicht eine Jüngerschaftsschule besuchen, einen eigenen Hauskreis starten, im Lobpreisteam mitsingen oder noch eine hippe Gemeinde mitgründen. Leisten, sich einbringen, Verantwortung übernehmen – denn geistliches Wachstum kommt nicht von ungefähr und wehe, die Instastories bleiben auch nur einen Tag lang still stehen.

Schafft man es dann, am besten noch mit guten Praktika in angesehenen Firmen, sportlich und fromm wie im Bilderbuch, dann wartet nach Bachelor und Master zur Belohnung endlich die 40-Stunden Woche! Und wenn einem bis hierhin noch nicht aufgefallen ist, dass was schiefgelaufen ist, dann dämmert es einem spätestens jetzt! Denn irgendwie klang „Alles ist möglich“ viel reizvoller als Gleitzeit, Reihenhaus und Thermomix.

Bruchlandung in der Realität 

Seit einigen Jahren geistert der Begriff der „Quarterlife-Crisis“ nun durch die Medien und versucht zu beschreiben, was viele junge Menschen am Ende ihrer ersten Lebensphase erleben. Und auch wenn sie, ganz ähnlich wie die Midlife-Crisis, von Person zu Person unterschiedlich ausfällt, so scheint manches wohl gleich zu bleiben. Denn am Ende einer auf Performance ausgelegten Jugend, steht nicht selten die Frage nach der Sinnhaftigkeit.

All das Lernen, all die Anstrengung – reicht es am Ende vielleicht doch nicht? Und was ist eigentlich das Ende: der sichere, aber nervige Job die nächsten 35 Jahre lang? Performance, ein Leben lang, war das das Ziel? War es nicht viel eher „glücklich sein“? Aber shit, wie werde ich das eigentlich?

Muss ich mich wirklich entscheiden, für einen Job, für einen Partner, für einen Wohnort, oder sollte ich nicht vielleicht noch warten und weiter nach links swipen, bis etwas Besseres kommt?

Und dann liegt man auf dem Sofa, wünscht sich nostalgisch seine Schulzeit oder das Auslandsjahr zurück und ahnt, wahrscheinlich zum aller ersten Mal im Leben, dass es für Manches langsam zu spät ist. Während man neidisch bei Instagram über #neverforget und #nofilterneeded hinwegscrollt, wird einem langsam bewusst: das erste Viertel der Lebenszeit ist rum! Und wenn das nächste Viertel so ähnlich wird, also aus Lernen, Arbeiten und Anstrengen besteht – was ist dann der Sinn von all dem hier?

Auf der Suche nach dem Sinn

Kaum etwas kann so sehr unter den Fingernägeln brennen, wie die große Frage nach dem „Warum“, kaum etwas kann uns so sehr beschäftigen, obwohl wir eigentlich etwas Anderes tun müssten. Doch vielleicht hängt das auch mit der Intensität dieser Frage zusammen, denn können wir sie nicht beantworten, dann erscheint schnell alles sinnlos. Fernbeziehungen, intensive Lernphasen, Überstunden oder Marathontraining – Menschen sind zu unendlich vielem fähig, wenn sie das „Warum“ kennen, sie Beweggründe haben, dass Ziel bekannt ist. Umso wichtiger ist es also, ein „Darum“ zu haben. Dazu kann ehrliches Reflektieren des eigenen Lebens dran sein. Denn obwohl man sich diese Krise nicht ausgesucht hat – wenn sie schon mal da ist, kann man sich auch mir ihr auseinandersetzen.

Los geht’s: Nutz deine Krise!

  • Ich weiß, die einen haben bereits Familienpläne, während man selbst noch im 12. Fachsemester hängt, mittelmäßige Tinderdates hat und regelmäßig mit Fertigpizza zuhause versackt. Aber glaub mir, dieses ewige Vergleichen hat dich überhaupt erst in diese Situation gebracht. Hör auf, dich immer mit anderen zu messen, deine Outfits und deine Urlaube sind auch ohne die Likes von sogenannten Freunden mega!
  • Bevor du dich aber schon wieder zum Entscheiden zwingst: Fang doch einfach mal an, zu träumen! Wie müssten dein Leben, dein Alltag, dein Job und dein Partner aussehen, damit du eines Tages auf deinem Sterbebett sagen kannst „Es war ein gutes Leben!“? Ok, krasser Gedanke, aber mal ehrlich: fängt nicht alles Wollen immer irgendwie mit dem Träumen an? Und wenn nicht jetzt, wann dann? Nimm mal das Tempo raus. Krisen können uns dabei helfen, dass wir gestärkt und fokussierter aus ihnen herausgehen – versteh es einfach als eine Art Investment in dein gesamtes Leben und nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst. Don’t panic: jede Krise ist auch irgendwann mal zu Ende.
  • Rede mit echten Menschen, quatsch dich bei Freunden aus, suche dir einen Mentor – egal, aber mach mal was anderes als Muckibude und Netflix. Auf Dauer funktioniert keiner von uns allein, auch du nicht.
  • Lass dich auf das Fremde ein: ein fremdes Land, eine fremde Sprache oder eine dir fremde Art, Gott zu loben. Die Auseinandersetzung mit dem Fremden hilft uns dabei, dass uns Eigene besser zu verstehen.
  • Such dir etwas, womit du einen Mehrwert schaffst, womit du Sinn stiftest. Gründe ein StartUp, sammle Müll oder besuch Omas im Altenheim. Egal was, aber hinterlass die Welt ein bisschen besser, als du sie vorgefunden hast. Trust me, Sinnfluencer sind die wahren Influencer.
  • Und wenn du noch etwas für deinen Kühlschrank brauchst: Glücklich zu sein ist besser, als erfolgreich. Es ist nie zu spät, damit anzufangen, es muss nicht perfekt sein und auch wenn es cheesy klingt: follow your dreams!

Benedikt Elsner
ist Jugendpastor im GJW NOS.
Er diskutiert die große Frage nach dem Sinn gerne bei Wein und Pistazien mit guten Freunden.