Schluss mit Schubladendenken

Ich bin in einer Umgebung aufgewachsen, in der es normal war, von Christen und Nichtchristen zu sprechen. Eine ganz schön lange Zeit hat das für mich auch kaum zu Problemen geführt. Meine Jugendkreisleute: Christen. Meine Schulklasse: Nichtchristen. Mein bester Freund: Nichtchrist. War halt so. Erst als sich unser Jugendkreis für verschiedene Projekte mit der Landeskirche zusammentat, wurde es etwas komplizierter. Auf einmal waren da Leute, die ganz klar an Gott glaubten, sich Christin oder Christ nannten, aber ganz anders glaubten und lebten, als das in meinem Kontext üblich war. Das gab ziemlich viel Gesprächsstoff und ich kam da oft nicht mit. Also beschloss ich für mich einfach: Wer sich Christ nennt, dem will ich auch so begegnen – quasi von Christ zu Christ. Egal was sonst ist. Gar keine schlechte Lösung für Begegnungen unter Christen, finde ich. In Gruppen habe ich mir angewöhnt erstmal nicht nach Glaubenseinstellungen zu fragen. Hier ist mir ein Umfeld wichtiger, in dem alle dabei sein können wertgeschätzt werden und einen sicheren Rahmen für ihre Gedanken und Fragen vorfinden. Nur so kann man über den eigenen Tellerrand hinausblicken und hat die Chance zu entdecken, dass letztendlich niemand einfach nur so oder so ist.

„Menschen neigen dazu, ihre Welt in richtig und falsch, wahr und unwahr einzuteilen. Doch damit machen sie es sich deutlich zu einfach.“

Gesprächsstoff

Beim Thema Essen wird unser reduziertes Blickfeld übrigens oft sehr gut sichtbar. Wenn du nicht alles „ganz normal“ isst, hast du schnell bei jeder Mahlzeit das Gespräch rund um das, was nicht auf deinem Teller liegt, an der Backe. Bist du Vegetarierin? Ist das nicht ungesund? Findest du auch, dass Veganer immer so blass aussehen? Dabei bin ich vielleicht gar kein Vegetarier, sondern möchte aus Gründen der globalen Klima- und Verteilungsgerechtigkeit einfach weniger Fleisch essen. Vieleicht esse ich deshalb nur Fleisch von Tieren, die nur gutes Futter bekommen haben. Oder nur Masthühnchen, weil die relativ wenig Energie pro Fleischeinheit verbrauchen. Oder nur Wild, weil ich glaube, dass das glücklich und frei leben durfte. Wie auch immer, oft ist es verkehrt, Leute aufgrund ihrer Essgewohnheiten festzulegen. Für Vegetarierinnen und Vegetarierin der Minderheit kann es sehr anstrengend sein, immer wieder auf dieses Thema reduziert zu werden.

So ist das übrigens bei vielen Themen. Dabei geht es nicht darum, es zu vermeiden, Personen, auf ihre ungewohnten Überzeugungen und Gewohnheiten anzusprechen. Es geht vielmehr um einen interessiert-respektvoll-sensiblen Umgang damit. Ein guter Einstieg bei geeigneter Gelegenheit und ehrlichem Interesse könnte sein: Mir ist aufgefallen, dass du Acht darauf gibst, was du isst – das interessiert mich – darf ich dich dazu etwas fragen?

Grau statt schwarz und weiß

Im Laufe der Zeit durfte ich lernen, auch bei Entscheidungen zu differenzieren und nicht mehr von „richtigen“ und „falschen“ Optionen auszugehen. Echte Entscheidungen sind eigentlich immer unentscheidbar. Sonst hätte ich mich ja bereits entschieden und zwar für die bessere Option. Da es aber bei echten Entscheidungen oft keine bessere Option gibt, geht es darum, die negativen Dinge der gewählten Option mit zu akzeptieren und sich bewusst von den positiven Dingen der anderen Option zu verabschieden. Ich kann und will nicht alles haben. Entscheidungen sind ein Privileg – ich darf mitbestimmen, wer ich bin und sein werde. Und Entscheidungen sind ganz sicher keine Prüfung, bei der jemand nur darauf wartet, dass ich sie verhaue, um mir eine Lektion zu erteilen.

Ist möglichst differenziertes Denken nun immer die beste Lösung? Bestimmt nicht – manchmal brauchen wir in einer hochkomplexen Welt auch unsere gewohnten Denkmuster und Kategorien. Aber hat die Fähigkeit zum differenzierten Denken mit dem Erwachsenwerden zu tun? Ja, das hat sie. Und zwar immer!

Timo Surkus
ist Referent und darf in seinen netzwerk-m-Seminaren heimlich mitlernen Unterschiedlichkeiten noch mehr zu genießen.